Sascha Dejanovic

Novi svijet

14. Mai – 11. Juni 2016

 

 Flyer

Artikel im Wochenblatt vom 19.05.2016

Foto: Tobias Gfeller

Sascha Dejanovic
1968 geboren in Istrien, Kroatien
Ausbildung zum Förster
Ende 1987 Gründung der Malgruppe „die Sechs“
Sein Vater Ivo war sein erster und wichtigster Mal Lehrer
1999-2004 Studium der Malerei in Basel
2000-2003 Stipendiat der Alexander-Stiftung
2009 Mitbegründer der Künstlergruppe 3R in Basel

Thomas Brunnschweiler

Novi svijet

Sascha Dejanović im KunstRaumRhein in Dornach 2016

Von Thomas Brunnschweiler

Sascha Dejanović wurde 1968 in Kroatien geboren. Buje, wo er einen grossen Teil des Jahres verbringt, ist eine pittoreske, auf einem Hügel gelegene Kleinstadt in Istrien, nur wenige Kilometer von der italienischen Grenze entfernt. Ursprünglich machte Dejanović eine Ausbildung als Förster. Heute kann er sich nicht mehr vorstellen, einen Baum zu fällen. Ende der Achtzigerjahre gründete er in Kroatien eine Malgruppe. Sein Lehrer, ein Zeichenlehrer mit grossem Talent, unterrichtete ihn. Zwischen 1999 und 2004 absolvierte Sascha Dejanović in Basel ein Studium der Malerei. Seit 2002 hat er in der Schweiz, in Deutschland, Frankreich und Kroatien regelmässig Ausstellungen, unter anderem waren ihm über zehn Einzelausstellungen gewidmet.
Sascha Dejanović ist ein Flaneur, der seine Sinnes- und Geisteseindrücke in Skizzen, Zeichnungen oder aber auch mit der Kamera einfängt. Einige Zeit zog er durch die Gassen und Strassen von Basel oder Zürich und machte Schnappschüsse, die beweisen, wie eminent begabt sein produktiver Blick auf die Welt ist. Dieser Blick, zusammen mit seiner Leselust und dem Reisen, ist die wichtigste Quelle seines Schaffens. So wie Walter Benjamin sein „Passagenwerk“ schuf, so wie Ludwig Hohl sein eigenes Passagenwerk „Die Notizen“ auf vielen Zetteln kreierte, so lässt Sascha Dejanović Blatt um Blatt sein optisches Passagenwerk entstehen. Seine subtilen Zeichnungen zeigen einen feinfühligen, sensiblen Menschen, der sich sogar bei der Wahl der Unterlage sehr viel überlegt und am liebsten auf altem, schon gebrauchtem Papier arbeitet. Er greift gerne auf Materialien zurück, die selbst bereits eine Geschichte erzählen: alte Formulare, ausgerissene Buchseiten oder Menukarten. In seinen Bildtiteln erscheinen oft Hinweise auf literarische Werke, wie etwa „Der Fänger im Roggen“. Dejanović ist ein gründlicher Leser, der in erster Linie Werke der Weltliteratur studiert hat. Sie zu kennen ist ihm wichtig, sie zu besitzen jedoch nicht. Auch diese Besitzlosigkeit zeichnet den Künstler aus. Er ist ein Vorübergehender, keiner, der festhalten will.
Der Künstler aus Buje hat seit langem in einem alten Haus in Dornach ein Arbeitszimmer gemietet, ist regelmässig in der Schweiz und fühlt sich in der Region um Basel zuhause. Seine Arbeiten, die nach 2010 entstanden sind, zeichnen sich durch ein neues formales Prinzip aus: die Schraffur. Ob Dejanović nun mit Acryl, Öl, Pigmenten oder mit Mischtechniken experimentiert, stets steht das Gestalterische im Vordergrund. Die feinen Schraffuren, meist vertikaler Art, erzählen etwas von der meditativen Vorarbeit für ein Bild. Dejanović arbeitet dabei ohne Lineal. Diese Schraffuren, die oft nur in gitterartigen Teilflächen vorhanden sind, oft aber auch raumgreifend erscheinen, erinnern an Agnes Martin, ja, insgesamt an einen minimalistischen wie konstruktivistischen Stil. Dejanovićs Schraffuren sind nicht einfach ornamentales Zubehör, sondern haben eine klare Funktion. Sie öffnen das Bild, schliessen es aber zugleich. Oft wirken sie wie ein leichter Schleier, hinter dem sich das Wesentliche verbirgt. Durch Aussparungen werden Räume frei aus denen die Malerei intensiver spricht und jenes Wesentliche durchblitzt. Die Schraffuren beruhigen den Blick und rhythmisieren das
Bild zugleich. Gerade in den Bildern „Fiesta“ und „Auferstehung“ zeigt sich auch die Spannung, die zwischen dem wilden, abstrakten Expressionismus und dem feinen Minimalismus der Schraffur entsteht. Dejanovićs Kombination von struktureller Trennschärfe und ausufernder Expressivität steht in der Kunstlandschaft da wie ein Monolith. Diese Kombination zeichnet den Künstler aus, weil sie eine Grundspannung des Lebens einfängt und auf kleinstem Raum wiederzugeben vermag.
Die Ausstellung in Dornach trägt den geheimnisvollen Titel „Novi Svijet“. Das ist kroatisch und bedeutet „Neue Welt“. Da Sascha Dejanović sich im Echoraum der Weltkultur sieht, ist der Titel mit Bedacht gewählt. Er enthält den Verweis auf Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, die wiederum auf die Vereinigten Staaten, das Land uneingelöster Utopien einer besseren Welt, anspielt. Der Titel erinnert gleichzeitig an Huxleys „Schöne Neue Welt“, einen Roman, der durch die Wirklichkeit im Grunde längst überholt worden ist. Der Künstler schafft aber auch selbst mit seinen Bildern eine „neue Welt“, in denen er vieles von dem, was man von ihm kennt, hinter sich lässt und transzendiert.
Ich habe einmal geschrieben, Sascha Dejanovićs Bilder seien „Spuren des Seins“. Tatsächlich spricht für den Künstler das Sein vor allem aus menschlichen Gesichtern. Die einen sind zart und weiblich, die andern kantig, charaktervoll, unheimlich, abweisend, verklärt oder fragend. In seiner Farbwahl arbeitet Sascha Dejanović oft mit abgetönten Farben, braun, grau, pastellfarbigen Pigmenten. Das Schreiende und Effekthascherische sind ihm fremd. Sein ganzes Oeuvre trägt den Unterton einer leichten istrischen Melancholie. Sascha Dejanović hat sich vor einiger Zeit thematisch auf einen neuen Weg begeben. Er versucht, die ewige Form des Kreises zu ergründen. Man sollte dem Künstler noch Zeit lassen, diese neuen Wege auszuprobieren und dann in seinen Werken gültig zu verarbeiten. Die in dieser Ausstellung gezeigten Bilder dürfen als ein repräsentativer Querschnitt durch das bisherige Schaffen Dejanovićs angesehen werden, als eine Auswahl der Auswahl, welche allen künstlerischen Kriterien ohne weiteres standhält.

Reinach, April 2016